Wendehals – Meister der Tarnung
Allgemein
Aussehen
Der Wendehals besitzt einen schlanken Körper, einen relativ langen Schwanz und einen für einen Specht ungewöhnlich kurzen, spitzen Schnabel. Sein Gefieder ist auf der Oberseite grau, braun und schwarz marmoriert und erinnert an die Struktur von Baumrinde. Die Unterseite ist heller und zeigt eine feine dunkle Querzeichnung sowie pfeilförmige Flecken auf Brust und Bauch. Ein dunkler Streifen zieht sich vom Hinterkopf über den Nacken und den Rücken und verstärkt die Tarnwirkung.
Männchen und Weibchen sehen nahezu gleich aus und lassen sich im Freiland kaum sicher unterscheiden.
Jungvögel ähneln den Erwachsenen, wirken aber insgesamt matter und weniger kontrastreich gefärbt.
Verbreitung
Der Wendehals ist von Westeuropa und Nordafrika über weite Teile Europas und Asiens bis nach Ostsibirien und Nordostkorea verbreitet.
In Deutschland kommt er regional vor, wobei größere Vorkommen vor allem in wärmebegünstigten, offenen Landschaften mit Streuobstwiesen und geeigneten Nahrungshabitaten liegen. In vielen Regionen sind die Bestände zurückgegangen, in Bayern gilt die Art laut Landesamt für Umwelt als vom Aussterben bedroht.
Der Wendehals ist ein Langstreckenzieher und verbringt den Winter überwiegend südlich der Sahara. Der Wegzug beginnt vielerorts ab August. Im Frühjahr kehrt er ab April in seine Brutgebiete zurück.
Lebensraum
Der Wendehals bevorzugt warme, sonnige und halboffene Landschaften, in denen alte Bäume mit geeigneten Bruthöhlen und offene Bodenflächen eng beieinanderliegen. Typische Lebensräume sind Streuobstwiesen, lichte Wälder, Heidegebiete, Parklandschaften und strukturreiche Feldfluren.
Für die Nahrungssuche benötigt er kurzrasige oder nur spärlich bewachsene Flächen, auf denen Ameisen leicht erreichbar sind.
Alte Bäume, natürliche Höhlen und Nistkästen sind wichtig, da der Wendehals seine Bruthöhlen nicht selbst anlegt.
Intensive Landwirtschaft, der Verlust alter Obstbäume und der Rückgang geeigneter Ameisenlebensräume beeinträchtigen seine Bestände.
Entwicklung
Der Wendehals nutzt vorhandene Baumhöhlen, alte Spechthöhlen oder Nistkästen als Brutplatz.
Die Jungvögel schlüpfen zunächst nackt und hilflos und werden von beiden Eltern mit Nahrung versorgt.
Nach etwa 20–22 Tagen verlassen sie die Höhle und werden anschließend noch eine gewisse Zeit von den Altvögeln betreut. Ihre Nahrung besteht in dieser Phase vor allem aus Ameisen und deren Entwicklungsstadien.
Nach dem Ausfliegen lernen die Jungvögel zunehmend, selbstständig Nahrung zu finden und geeignete Lebensräume zu nutzen.
Brut
Die Balz beginnt kurz nach der Rückkehr in das Brutgebiet im Frühjahr. Dabei rufen die Partner wiederholt, verfolgen einander im Flug und zeigen geeignete Bruthöhlen.
Die Brutzeit reicht in Deutschland meist von Mai bis Juni, wobei die Eiablage regional bereits früher beginnen kann.
Ein Gelege umfasst gewöhnlich etwa 6–10 Eier.
Die Brutdauer beträgt ungefähr 11–14 Tage.
Je nach Nahrungsangebot und Region sind eine oder zwei Jahresbruten möglich.
Nahrung
Die Nahrung des Wendehalses besteht überwiegend aus Ameisen sowie deren Larven und Puppen.
Besonders häufig sucht er am Boden nach Beute und untersucht dabei Ameisenstraßen, lockere Erde und den Bereich um Ameisennester. Mit seiner langen, klebrigen Zunge kann er die Insekten aus engen Spalten und Nestgängen aufnehmen. Ergänzend frisst er andere kleine Insekten und Spinnen.
Anders als viele andere Spechte hämmert er kaum an Baumstämmen nach Nahrung, sondern sucht diese überwiegend auf dem Boden.
Besonderheiten
Der Wendehals gehört zur Familie der Spechte, unterscheidet sich von den meisten anderen Arten aber durch seine Lebensweise: Er kann keine eigenen Höhlen zimmern und ist auf bereits vorhandene Hohlräume angewiesen.
Seinen Namen verdankt er der Fähigkeit, Kopf und Hals ungewöhnlich weit zu drehen und dabei schlangenähnliche Bewegungen auszuführen.
Bei Bedrohung kann er den Hals verdrehen, das Gefieder aufstellen und zischende Laute erzeugen, wodurch er potenzielle Angreifer irritiert.
Sein Gefieder bietet eine so wirkungsvolle Tarnung, dass er auf Baumstämmen oder zwischen trockenem Pflanzenmaterial oft kaum zu erkennen ist.
Als Spezialist für Ameisen ist er auf extensiv genutzte, strukturreiche Landschaften angewiesen und reagiert empfindlich auf den Verlust geeigneter Nahrungshabitate.
Beobachtungstipp
Am besten lässt sich der Wendehals im Frühjahr und Frühsommer in warmen, offenen Landschaften mit Streuobstwiesen, lichten Gehölzen und kurzrasigen Flächen beobachten.
Häufig verrät ihn zunächst sein wiederholter, etwas nasaler Ruf, der von einzelnen Bäumen oder anderen erhöhten Sitzwarten ertönt.
Bei der Nahrungssuche hält er sich oft unauffällig am Boden auf.
Wegen seiner ausgezeichneten Tarnung ist er trotz seiner Anwesenheit nicht immer leicht zu entdecken.